Fazit

Als ich als Neunjähriger Augenzeuge des Unfalls meines Zwillingsbruders mit tödlichem Ausgang wurde, schaltete mein Geist im Anschluss an den fest gefügten Schock in einen Verdrängungsmodus, der mir das Erlebte erträglich machte. 

Erst nach vielen Jahren erwachten unterschwellig in Albträumen und Trauergefühlen die Erinnerungen, die in mir eine mir unerklärliche gefährliche Depression bewirkten. 

Zu einem noch späteren Zeitpunkt passierte mir im Geiste ein spektakulärer Vorgang, der aus dem Augenblick heraus in einen hochemotionalen, wachen, andauernd-spirituellen Trancezustand führte, in dem ich mich fühlte, als lebte ich in zwei Welten oder als habe ich einen Blick auf ein mir unbekanntes Universum erlangt (Bewusstseinserweiterung). In Phasen intensivierter Trance arbeitete ich Gefühlswelten ab, was mich letztlich aus der Depression herausführte und das Trauma überwinden half (vergleiche: Monk, Krimiserie). 

 

Menschen aus meinem persönlichen Umfeld spielten dabei eine bedeutende Rolle. Denn sie vermittelten die bedeutungsvollen und unverzichtbaren Gefühle wie Anteilnahme, Hoffnung, Chance, Geborgenheit, Freundschaft und Liebe, die unabdingbar sind für das Gelingen eines solchen Unterfangens.

Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für diese Menschen, die Teil dieser aus der Rückschau empfundenen Abfolge von geistigen Abenteuern waren. 

 

Im Zuge des Erlebens hingegen ist das Wagnis teuflisch brutal und wird als äußerst gewalttätig empfunden und löst gefährliche Hass- und Suizidgedanken aus. Das erklärt die Brutalität vieler märchenhafter Erzählungen und die Botschaft im Handeln der Protagonisten, niemals aufgeben zu dürfen.

 

Im Zuge meiner Traumabewältigung sah ich wiederholt im Fernsehen die Verfilmung von „Die unendliche Geschichte“ Michael Endes und erkannte, dass sie in fantasievollen Bildern diesen Vorgang beschreibt. Ich entdeckte in weiteren modernen Märchen und Geschichten anderer Genres die Beschreibung dieses Phänomens.

 

Durch sorgfältige Untersuchung meines Erlebens entwickelte ich Ideen für mein eigenes Märchen „Wissen um Gefühle“, in das ich meine Betrachtung der Geschehnisse projizierte und das Bild vom trauernden Kind, das in einem Buch, das sich beim Lesen selber schreibt seine eigenen Geschichte liest, auflöse (aus: Michael Ende, Die unendliche Geschichte). Außerdem definiere ich darin das „Wissen um Gefühle“ als imaginäre Spezies, dessen Eigenschaften und Talente als Verhalten erforscht und beschrieben werden kann.

 

Märchen beschreiben kreativ-literarisch, wie sich erlebte Realität in emotional Erlebtes spiegelt und müssen daher ausgelegt und interpretiert werden. Wer in Trauer und Depression in außerordentlicher Heftigkeit eigenes emotional gespiegeltes Erleben betrachtet muss bedenken, dass Prägung, Veranlagung, Bildung, geistige und spirituelle Vorlieben, kognitive Kompetenz und Charakter bedeutenden Einfluss auf die individuelle Interpretation haben. Schamanismus, Esoterik, Okkultismus, Spiritismus, Mystizismus, Narzissmus, Verschwörungstheorien, Atheismus, wissenschaftliche Erkenntnis bzw. eine mitunter abstruse Mischung daraus sind Ergebnis dieser als sehr spirituell empfundenen Lebenserfahrung. 

 

Geistige Genialität und gleichzeitig erlebte Übernatürlichkeit schließen sich nicht aus.

 

Wusstest du zum Beispiel, dass Sir Arthur Conan Doyle, der in seinen Sherlock-Holmes-Geschichten mithilfe von Deduktion und Analytik bahnbrechende Fortschritte in der Kriminalistik bewirkte, an die Existenz von Feen glaubte? Oder dass Sir Isaac Newton nicht nur grundlegende Erkenntnisse zu Physik und Mathematik beisteuerte, sondern auch die Bibel studierte und passioniert Alchemie betrieb?

Das Erleben eines Märchens ist ein andauernder intellektueller Vorgang. Eine geradezu abenteuerliche unendliche Geschichte im Geiste des Betrachters auf der Suche nach Wissen und Verstehen.

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© Niekalt Verlag, Bernard Glasa