Ist das Leben nicht schön

von Frank Capra

mit James Steward als George Bailey und Henry Travers als „Schutzengel Clarence“ in den Hauptrollen

Veröffentlicht in den USA gut ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs

Spieldauer: 131 Min.

 

 

Was erfahren wir über George Bailey?
Gutmensch. Hilfsbereit. Fleißig. Tapfer. Seit seiner Jugend Mitglied in der National Geographic Society. Sein Spitzname: Captain Cook (Seefahrer und Entdecker, Kartograf, ein Vermesser der Welt. Wissenschaftler, der dem Skorbut die Stirn bietet). George ist aufgeschlossen und wissenschaftlich wissbegierig. Er steckt voller Träume, die in den Himmel wachsen.
Ankerkette, Flugzeugmotor, Pfiff einer Lokomotive sind ihm die schönsten Geräusche. Er sprüht vor Wissbegierde, Abenteuerlust und Tatendrang.
Und doch, wenn das Schicksal es von ihm erfordert, stellt er sich pflichtbewusst der Herausforderung.

Mitmenschlichkeit ist ihm äußerst wichtig.

 

Zitat aus dem Film:

„Am schwärzesten Tag des Krieges betete George, wie alle anderen auch. Und als der Krieg zu Ende war, betete er wieder, wie alle anderen auch.“

 

Auf dem Höhepunkt seiner Lebenskrise stellt George jedoch fest, dass er für seine höchsteigenen, lebensbedrohlichen Belange nicht beten kann (wie alle anderen sonst). Schließlich bittet er Clarence – nicht Gott – um die Rückgabe seines bisherigen Lebens.

 

George Bailey ist ein Gewohnheitsbeter, kein Überzeugungsbeter. In größter Not verlässt er sich auf seinen gesunden Menschenverstand und seine kulturelle und wissenschaftliche Bildung.

 

 

Was erfahren wir über Clarence?
Einfallsreich. Philosophisch. Fantasiebegabt. Eine Figur wie aus einem Märchen. „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ sind sein ständiger Begleiter von der ersten Erwähnung dieses „Schutzengels“ bis zur letzten Sequenz der erzählten Geschichte.

 

Clarence erwähnt, dass er weiß, an welchem Buch der verblichene Mark Twain gerade schreibt.
In einer Szene nennt George seinen Engel „Gabriel“. Dieser erwidert und ergänzt: „Clarence“.


Interessant: „Gabriel Clarence“ und „Samuel Clemens“ (der bürgerliche Name Mark Twains) haben die gleiche Sprachmelodie. Mit diesem Wortspiel lässt Frank Capra Mark Twain humorvoll aber inkognito in dieser Geschichte seine Streiche spielen. Somit erhält die zuvor genannte Erwähnung Clarences eine beweiskräftige Bedeutung: Es ist im übertragenen Sinn die Geschichte Baileys, an der der verblichene Mark Twain gerade schreibt.

Soll heißen: Capra benutzt – inspiriert durch Twain – das Erkenntniswissen aus dessen literarischen Werken in Georges Geschichte, um dessen Traumabewältigung (das erlebte Märchen Georges) erklärend zu beschreiben.

 

Der am Anfang vermeintliche spirituelle Himmel entpuppt sich in Wahrheit als literarisches Universum und der „Schutzengel“ als intellektueller Freigeist. Und die „Flügel“ verleiht Capra Twain in Anerkennung für dessen literarisches Schaffen. Dabei entlehnt Capra seine Bilder teils christlichen Anschauungswelten, teils märchenhaften.

 

 

„Ist das Leben nicht schön“ ist somit eine zauberhafte westliche Religionssatire, ein fantasievolles Weihnachtsmärchen nicht nur für Christen und eine Hommage an Mark Twain und dessen literarisches Schaffen zugleich.

 


Ich, Bernard Glasa, träume, fühle und denke ganz ähnlich wie George.

 


Weitere Überlegungen zu „Ist das Leben nicht schön“

 

Das Milieu, in dem die Ereignisse stattfinden, beschreibt Capra als christlich und abergläubig, in der Figur Potters auch als kapitalistisch abscheulich gemein.

 

Ein Aspekt erscheint mir noch besonders überlegenswert.

Zwei liebenswerte Frauen rivalisieren seit ihrer Jugend um die Gunst George Baileys. Zu beiden fühlt George sich freundschaftlich, sogar liebevoll hingezogen bis zum Schluss der Erzählung.
Da ist die fromme Mary, die George heiraten und mit der er eine Familie gründen wird in eine prekäre Lebenssituation hinein, sowie Violet, die ein wenig hochnäsig und anrüchig beschrieben wird, jedoch wie George das Abenteuer und das Risiko liebt und die es wie ihn in die Ferne zieht.


Capras Beschreibung, ohne George wäre Mary als alte Jungfer und Violet in der Prostitution geendet, ist – märchentypisch und der Erzählbotschaft geschuldet – maßlos übertrieben.


Ich frage mich, ob der aufgeklärte George sich heute und vorausgesetzt, er könne sich frei entscheiden, für die gleiche Frau entscheiden würde wie seinerzeit nach dem Trauma des Krieges.

 


Ein aussagekräftiger Fund:
Im Internet kursiert ein Trailer von 7:55 Minuten Länge, der das Ende der Geschichte zeigt. In der Schlusssequenz ist das geöffnete Buch zu sehen, in dem sich Clarence auf Deutsch für seine Flügel bedankt. Der Haupttitel des geöffneten Buches „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ wurde entfernt.
In dieser „eingedeutschten“ Fassung hat man unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Serviceleistung die Geschichte um eine ihrer wichtigsten Botschaften beraubt. Ich interpretiere das als bewusste Kulturfälschung zugunsten einer dogmatisch-diktatorischen kirchlichen Gesellschaftsordnung und verurteile das scharf.

 

 

Wissenswert in diesem Zusammenhang ein Zitat Mark Twains zum Thema Gott:
„Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.“

Ein typisches Merkmal ausgeklügelter Erzählkunst ist:
Das, was du siehst, steht da nicht. Und das, was da steht, siehst du nicht.

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© Niekalt Verlag, Bernard Glasa