The sixth sense (Der sechste Sinn)

Psychothriller

Regie M. Night Shyamalan

USA, 1999

 

 

In dieser Geschichte werden etliche Traumata angerissen:
Der Psychopath, der den Kinderpsychologen erschießt und anschließend sich selbst.
Der tote Kinderpsychologe Malcolm Crowe, der seinen Tod nicht erkennen will.
Der Patient des Kinderpsychologen, Cole, ein Kind, das Tote sehen kann.
Ein Vater, dessen Tochter qualvoll sterben musste und die Erkenntnis, dass sie vergiftet wurde.
Die tote Tochter, die die Grausamkeit ihres Sterbens nicht verstehen kann.
Und noch etliche andere traumatisierende Ereignisse.


Jedoch: Das offensichtlichste und bedeutungsvollste aller geschilderter Traumata ist in dieser Aufzählung nicht erwähnt.

 

 

Erst am Ende der Geschichte erfährt der Betrachter, dass Malcolm Crowe beim Attentat ums Leben kam. Folglich kann ab dem Moment, in dem Malcolm mit dem Kind Cole zu interagieren beginnt, alles, soweit es im Zusammenhang mit der Interaktion dieser Protagonisten in Verbindung steht, ausschließlich imaginär sein. Interessant ist, dass Malcolm in der gesamten Geschichte ab seinem Tod ausschließlich mit Cole kommuniziert und kommunizieren kann und für alle anderen unsichtbar bleibt. Jedoch im Halbschlaf erfährt Anna so etwas wie spirituelle Kommunikation, als sie loslässt.


Folglich handelt es sich bei diesem Erzählstrang um ein imaginäres Gruselabenteuer im Kopf der Person, dessen Traumabewältigung und damit erlebtes Märchen in der Geschichte behandelt wird. Und dabei handelt es sich um die trauernde Witwe Anna Crowe, die den schmerzlichen Verlust ihrer großen Liebe nicht verwinden kann und sich damit schwerlich wieder verlieben und ein normales Leben führen kann. Ihr Schicksal ist es, um das sich alles dreht. – Deduktiv gedacht.

Ihr Trauma ist das einzige, von dem wir von der Verursachung bis zur Bewältigung alles erfahren. Alle anderen werden nur angerissen.

 

 

Die Geschichte wird entschlüsselt, indem man sie aus der Perspektive der trauernden Witwe betrachtet.

 

„Mein Mann wurde ermordet. Ständig spuken er und meine schmerzliche Liebe zu ihm in meinem Kopf herum und ich kann kein normales Leben mehr führen. Dann taucht plötzlich dieses bedeutsame Kind, das Tote sehen kann, in meinem Leben (Kopf) auf. …“

 

In ihrem Kopf befasst sich ihr toter Mann mit den psychischen Problemen dieses imaginären Kindes.

Nun wird das bewusst denkende Ich Annas in vertrauensvoller Liebe auf den toten Ehemann und Kinderpsychologen projiziert. Cole wird zum In-mir-Kind, projiziert auf Malcolms imaginären Patienten. Dabei kann es aufgrund der beruflichen Tätigkeit Malcoms’ dafür durchaus eine reale Vorlage geben. Auch eine andere Projektionsfläche im Bekanntenkreis Annas ist denkbar.


„… Malcolm hilft dem Kind Cole, dessen seelisches Reich zu verstehen, die Ängste davor zu überwinden und sich damit zu retten. Das ist auch die Rettung für Malcolm. Malcolm erkennt und akzeptiert seinen Tod (in meinem Kopf), sodass ich ohne Gewissensbisse loslassen und wieder ein normales Leben führen kann.“


Damit überwindet Anna ihr Trauma und das damit verbundene schlechte Gewissen.
Die anderen Erzählstränge sind Konstrukte, die das Erleben von Traumabewältigungen beschreibend und erklärend ergänzen.

 

 

Ein paar ausgewählte überlegenswerte Details:


Cole hat eine Uhr seines Vaters, die nicht geht. Malcolm erwähnt, dass er sein Zeitgefühl verloren hat.


Cole sagt: „In Geschichten müssen spannende Einfälle eingebaut werden.“
Cole sagt später in etwa: „Du fühlst es tief in dir drin. Kennst du das Kribbeln im Nacken und wenn die Haare hochstehen?“


Eine Frau wird etlarvt, die Tochter ermordet zu haben und wird dadurch zur „Teufelin“.


Der Versuch, in einem spirituellen Glauben Erlösung zu finden, gelingt den Protagonisten nicht. Und doch ist er nicht völlig abwegig. Denn sie empfinden, wäre Jesus da, fühlte er mit ihnen.


Die Ansteckung mit Gefühlen wird beschrieben. (Das erklärt z.B., warum Hassrede zu Hasshandeln führt.)


Das Kind offenbart seiner liebevollen Mutter sein gruseliges Geheimnis (eine Beichte).

 

Übrigens: Den Hochzeitstag feiert Anna alleine, in der Hoffnung wunderbare Gefühle wieder aufleben zu lassen, was ihr jedoch nicht gelingt und sie deshalb deprimiert. Malcolm ist zu diesem Zeitpunkt längst tot. Ihr gegenüber sitzt lediglich ihre schweigsame Vorstellung von ihm. Es ist für sie, als wäre er irgendwie da. Aber erklären kann er ihr ihre schmerzliche Situation auch nicht.

„Der sechste Sinn“ ist das Vermögen, intuitiv oder sogar bewusst diese Zusammenhänge zu reflektieren und zu interpretieren.

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© Niekalt Verlag, Bernard Glasa